Inbrünstiger als ein angetrunkenes Regiment Kosaken    

„Dr Bajan & Brain Drain“ begeisterten das Publikum mit „Sovietabilly“ im Domizil   GIESSEN (tbc). Gießener Zeitung vom 26.12.03.

Im Kulturkeller Domizil fand am Sonntag Abend ein in zweifacher Hinsicht ungewöhnliches Konzert statt. Ungewöhnlich zum einen der Termin: Sonntags ist in der Braugasse normalerweise erst gar nicht geöffnet. Zum anderen wegen der Veranstaltung selbst: „Dr. Bajan & Brain Drain“ hatten „Sovietabilly,  Polk, Kasatschok und International Folk“ angekündigt . Mit finanzieller Unterstützung durch den AStA der JLU konnte das Quintett im Rahmen seiner Westeuropa-Tour auch für einen Auftritt in Gießen gewonnen werden. Die vielen neugierigen Gäste, die trotz des eher Party-abträglichen Wochentags gekommen waren, wurden mit einem furiosen, witzigen und dazu handwerklich tadellosen Konzert belohnt.
Frontmann der Combo ist der Russe Dr. Bajan, der sich nach seinem Instrument benannt hat: der russischen Bezeichnung für das klassische Akkordeon. Begleitet wurde er komplett international von einem Italiener, einem Deutschen, einem Schweitzer und einem Ukrainer an Kontrabass, Schlagzeug, Geige und akustischer Gitarre. Man ließ sich mit dem Beginn des Konzerts wie üblich lange Zeit. Wohl dem, der mit den Gepflogenheiten im Domizil vertraut war, die Anfangszeiten in den Ankündigungen (21 Uhr) ignorierte und erst etwa um kurz nach halb Elf den Laden betrat. Der wurde dann nämlich Zeuge, wie die Bandmitglieder auf der Bühne erst einmal in die typisch russischen, blau-weiß gestreiften Matrosenunterhemden schlüpften, danach noch in aller Ruhe ein Bier auf Vorrat bestellten, gemächlich Platz nahmen, um dann urplötzlich loszulegen, als ob es kein Morgen gäbe.
Wie ein Derwisch schaukelte Dr Bajan auf seinem Kneipenstuhl vor und zurück, die Finger über die Tastatur seines Instruments fliegen lassend. Über einen harten, schnellen Polka-Beat des Schlagzeugers erzeugten die Musiker aus dem Stand ein Klang- und Partyerlebnis, das sich anfühlte, wie auf einer osteuropäischen Großhochzeit vor 100 Jahren. Riesenapplaus und die ersten Tänzer auf der winzigen freien Fläche direkt vor den Musikern schon nach dem ersten Stück – die Stimmungskurve sollte heute Abend ausschließlich nach oben zeigen. Die international erfahrene Band spielte toll zusammen und ließ immer mal wieder die verschiedenen Musikrichtungen durchblitzen, auf die im Vorfeld hingewiesen worden war. Der Gitarrist war firm im Flamenco, was ihm beim vorgelegten Tempo sehr half. Der Mann an der Geige beeindruckte vor allem in den Passagen, in denen die Combo ihm Raum ließ, etwa für seine wahnsinnig schnellen Läufe, die er jederzeit sauber und zugleich dynamisch zu spielen wusste. In teilweise affenartiger Geschwindigkeit bearbeitete das Quintett die Instrumente, dazu sangen Bajan und sein Gitarrist russische Texte, lauter und inbrünstiger als ein Regiment angetrunkener Kosaken. Ob es bei den jeweiligen Liedern etwa um „Schlampen in Sankt Petersburg“ oder „Den Sowjetmenschen“ ging, erklärte Bajan atemlos in rührendem Deutsch, bevor er dann direkt wieder los legte.
Dr. Bajan spielt mit den Klischees, die von „russischer Musik“ im Westen herum geistern, greift sie begeistert auf und macht daraus eine eigene, wilde Mischung, die Spaß macht und direkt in die Beine geht. Erst nach zwei Sets, langem Applaus und drei Zugaben wurden die am Ende völlig verausgabten Musiker vom begeisterten Publikum entlassen. Weitere Informationen im Internet: www.brain-drain.ru

 

Presse: Dr Bajan Praktiziert im Sonnenweg

 

Rocker-Kalinkaschritt  Hemmungslos  In Kraft  Dr. Bajan  Schwermut   Inbrünstiger als ein angetrunkenes Regiment Kosaken