In Kraft und Herrlichkeit

 

     Es braucht keine Strom­gitarre, um zu rocken und zu rollen. Bei „Braindrain" tun es Akkordeon und Balalaika vollkommen.

     EBENSEE. Viele Rockmusiker schnitzten sich in der alten So­wjetunion aus Mangel an Hund­werkszeug ihre Gitarren einfach selbst, um den Geist von „Deep Purple" und Konsorten einfangen zu können. „Braindrain" sind den anderen Weg gegangen, in dem sie das Kulturgut aus dem Westen für traditionelles russisches Instrumentarium transkribiert ha­ben. Doch das Quartett aus Sankt Petersburg kann viel mehr, als nur am Wochenende den heißen Rock-'n'-Roll-Stoff, aus dem die Teenagerträume sind, zum Tanz aufzuspielen. Bei „Braindrain" werden Blues und Polka, Reggae und Ballade, Rock und Volkslied hinreißend zu einem farbenfro­hen und lebenslustigen Bastard aus allen Bestandteilen ver­schmolzen.

 

Weltmusik aus dem Dorf

Am Freitagabend in Ebensee schien es nichts zu geben, was sich die leicht verrückten Herren auf ihrem Crashkurs durch den Musikkosmos nicht einverleiben hätten können. Wo die Welt zum globalen Dorf geworden ist, hat

sik grundlegend geän­dert - die Dorfmusik ist Weltmusik gewor­den, „Braindrain" waren auch ein Beleg für die Universalität der Musik und die Fähigkeit der le­bendigen Volksmusik, Neues aufzunehmen und auf die Zei­chen der Zeit zu reagieren. Die leidenschaftliche Darbietung war eine Absage an alle Puristen und Musikverwalter, die ehrfürchtig alles steril Gehaltene mit einem „Authentisch! "-Aufkleber verse­hen, um es dann in zum Staubfangen in die Archive entsorgen.

Fernab eines geschmäcklerischen und durchgeistigten Eklektizimus wurden aus den adaptier­ten Stilen bei ,,Braindrain" etwas Eigenes und eben dadurch „Au­thentisches". Mit Akkordeon, Balaika, einem durchgedrehten Polkaschlagzeug und einem Baß (aus Gründen der Bequemlichkeit zumeist ein elektrischer statt der unhandlichen     Baß­balalaika) und kraftvol­lem Gesang griffen sich die Russen aus der Musik der Welt das ihnen am besten passende heraus, coverten  „Highway Star" und „Smoke On The Water", als handele es sich um eine seit Jahr­hunderten in Russland überlieferte    Hochge­schwindigkeitspolka oder streuten Reggae-Splitter ein, als hätten sie schon immer /um Vodkatrinklied gehört. Nastrovje!

 Florian Sedmak