Rocker mit Kalinka-Schritt

 

     Wozu um Himmels Willen braucht dieser Mann einen Stuhl? Das samtbezogene Sitzmöbel wippt und wankt, als Dr. Bajan bestiefelt den Kaiinka-Schritt versucht. Vor dem Matrosenhemd klemmt ein Knopfakkordeon, und hinter dem Beatles-Haarschopf fallen zwei Augen bald ins Pu­blikum.

    Der St. Petersburger Doktor der Physik widerlegte im Tuvalu das hartnäckigste Vorurteil über naturwissenschaftliche Akademiker. Nein, vergeistigt war er nicht, auch nicht ernst und mit Scheuklappe versehen. Nikolai Fomin, wie er bürgerlich heißt, umgibt so gar nicht jene trockene Bücherluft. Die Berufsehre seines Standes hatte er also schon mal gerettet. Und ganz nebenbei entlockten Dr. Bajan & Brain Drain" ihren Instrumenten wahrhaft mitreißende Töne im 4/4-Takt.

    Rock war angesagt, mit ein wenig Folk. Was erwartet da der Musikbeflissene? Eine E-Gitarre vielleicht, eine Fiedel, ein Schlagzeug und das obligatorische Keyboard. Gerademal mit dem Schlagzeug (Alexander Kondraschkin) entsprachen sie den Erwartungen. Überraschend belebten ein Akkordeon, eine klassische Balalaika (Fjodor Fomin) und eine überdimensionierte zweite Balalaika als dreisaitiger Bass (Michail „Sam" Semjonow) das verrauchte Tuvalu.

     Die russische Knopfharmonika (Bajan) fest im Griff und immer hart am Herzinfarkt. Vorne - Dr. Bajan alias Nikolai Fomin.

Foto: Andre Kempner

     Der Rhythmus - die Seele der Musik. Ihm huldigten sie fanatisch; der exzellente Bassist mit breit-mimischer russischer Erhabenheit und Dr. Bajan selbst mit ekstatischem Gesang. Trinklieder? Geschichten vom einfachen Leben?

     Es spielte keine Rolle, wovon er sang. Ein Volksempfinden verband die Kneipen­besucher. Rhythmus und Rußland, beides konnte man schmecken. Es hätte irischer Folk sein können oder schwedische Folklore - völlig egal. Was die Band ausstrahlte, war die Liebe zur Musik. Die geradezu „fantastischen" Vier machten eines klar: Sie spielen nicht fürs Geld oder Publikum, sondern um den Rhythmus herauszuschreien. So kräftig, daß der ausgelassene Dr. Bajan auf der Bühne bisweilen fast am Herzinfarkt vorbeischlidderte.

                  Matthias Degen